Leinwandschauer und andere Schauer

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Wolf
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Leinwandschauer und andere Schauer

Post by Wolf » Mon 17. Nov 2014, 13:54

Schauer (manchmal auch Zuschauer genannt) waren in zünftigen Gesellschaften von der Obrigkeit eingesetzte Beamte, die im Rahmen einer "Schau" die Qualität von Produkten zu kontrollieren hatten.

Der Wohlstand der Stadt St.Gallen beruhte zu einem grossen Teil auf Leinwandproduktion und Leinwandhandel. Der Rohstoff hochwertiger Leinwand ist der Flachs (Linum usitatissimum). Aus dessen Stengeln wurden die Fasern in verschiedenen Arbeitsschritten herausgelöst und anschliessend zu Garn gesponnen. Durch das Verweben des Garns entstand die Rohleinwand, die in vorindustrieller Zeit zur Veredelung gewalkt (unter Zufluss von Wasser mit entsprechenden Apparaturen gestampft), gebleicht (der Sonne ausgesetzt und mit heisser Lauge übergossen), dann allenfalls gefärbt und zuletzt gemangelt (geglättet) wurde. Die Kontrolle setzte mit der sog. Schau der teils auf dem Land, teils in der Stadt gewobenen Rohleinwand ein, die von städtischen Beamten durchgeführt wurde. Leinwand bester Qualität wurde von den städtischen Bleichemeistern weiss gebleicht, schlechtere Ware von selbstständigen Handwerkern gefärbt. Nach jedem Arbeitsgang des Veredlungsprozesses wurde die Leinwand nochmals geprüft. [Leicht abgeändert aus dem HLS übernommen]

Vmtl. aufgrund der Bedeutung der Leinwandproduktion wurden in der Stadt St.Gallen "Spezialisten" benannt - mit Amtsbezeichnungen, die in der Stemmatologia Sangallensis regelmässig auftauchen:

Rohschauer: begutachtet die Rohleinwand.

Weißschauer: begutachtet die (hochwertige) gebleichte Leinwand.

Schwarzschauer: begutachtet die (weniger hochwertige) gefärbte Leinwand.

Mangenschauer: begutachtet die fertige Leinwand (nach dem Mangeln = Glätten).

Keine gesicherte Erklärung habe ich für den Endistschauer (siehe Hans Schlapprizi), der eindeutig in das Textilgewerbe gehört (Hans Schlapprizi gehörte der Schneiderzunft an und war daneben auch Weißschauer und Schwarzschauer): evtl. hat der Begriff mit der Färberei zu tun (wegen Indigo als blauem Farbstoff). Nachtrag: David Huber wird als Endist&Farbenschauer genannt, was diese Vermutung unterstützt.

In der Lebensmittelproduktion waren ebenfalls Schauer bestellt, deren Amtsbezeichnungen in der Regel selbsterklärend sind: Kornschauer / Mehlschauer / Brodschauer / Fleischschauer / Honigschauer / Spezereischauer [Spezereien = Gewürzwaren, in der Schweiz auch für Gemischtwaren].

Nicht zum produzierenden Gewerbe gehören die (immer noch selbsterklärenden) Feuerschauer und Waffenschauer.

Der Malzeischauer schliesslich gehört in das Gesundheitswesen: er bestimmte bei Lepraverdächtigen, ob die betreffende Person ins Siechenhaus eingewiesen wurde oder nicht. Der Begriff Malzei wurde auch nach dem Verschwinden des Aussatzes für gewisse Krankheiten weiter verwendet. [Erläuterung von Dr. Marcel Mayer]


Wolf Seelentag, St.Gallen

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