Einwanderung aus der Schweiz nach Berlin - Anfang des 19. Jh

Moderator: clarissa1874

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sturm_sz
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Einwanderung aus der Schweiz nach Berlin - Anfang des 19. Jh

Post by sturm_sz »

Ich bin ein direkter Nachkomme des Clemens Sturm, der 1797 in Steinen, Kanton Schwyz, geboren wurde. Er hat später in Berlin gelebt, geheiratet und hat Kinder bekommen, es leben noch zahlreiche Nachkommen von ihm, auch in Berlin.

Meine Frage: ich interessiere mich für Vorfahren von Sturm in der Schweiz. War Sturm ein Einzelfall, oder gab es eine grössere Einwanderung aus der damals politisch sehr unruhigen Schweiz ins seinerzeit doch eher beschauliche und stabile Preussen? Gibt es Berliner Familienforscher, die Erfahrungen mit Recherche nach Ahnen in der Schweiz gesammelt haben? Wie geht man da vor, wo fängt man an? Eine Schwierigkeit scheint das etwas an biblische Zeiten oder den Orient erinnernde traditionelleSchweizer Ortsbürgerrecht zu sein, das dazu führt, dass der Geburtsort oft nicht weiterhilft und man erst herausfinden muss, welches Ortsbürgerrecht denn die betreffende Familie hatte, um dann in der entsprechenden Gemeinde weiterforschen zu können ...



Wolf
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Re: Einwanderung aus der Schweiz nach Berlin - Anfang des 19

Post by Wolf »

sturm_sz wrote:Eine Schwierigkeit scheint das etwas an biblische Zeiten oder den Orient erinnernde traditionelle Schweizer Ortsbürgerrecht zu sein, das dazu führt, dass der Geburtsort oft nicht weiterhilft und man erst herausfinden muss, welches Ortsbürgerrecht denn die betreffende Familie hatte, um dann in der entsprechenden Gemeinde weiterforschen zu können ...
Na ja - das sehen die meisten Forscher mit Erfahrung in der Schweiz wohl genau umgekehrt: ich muss einer Person nicht "hinterherlaufen" ... wenn ich den Einstieg (Bürgerort) erst einmal gefunden habe (und auch den Geburtsort muss ich ja erst einmal finden), macht einem der Bürgerort das Leben viel leichter.

Ein Problem kann allerdings sein, wenn in deutschen Publikationen ein falscher Geburtsort angegeben wird - wie bei einem meiner Vorfahren: Condamin, geboren (mit Datum) in Gossau - aber im dortigen Taufregister kein passender Eintrag. Der Auswanderer hatte halt sein Geburtsdatum und als Herkunft "von Gossau" angegeben - also seinen Bürgerort; geboren und getauft wurde er in St.Gallen. Und woher weiss ich das? Aus dem Bürgerregister Gossau.

Oft genug bekomme ich auch Anfragen mit Herkunft "aus der Schweiz". Dann kann ich im Familiennamenbuch nach wahrscheinlichen Herkunftsorten suchen - dem Familiennamenbuch, das es ohne Orstbürgerrecht natürlich gar nicht gäbe. Gut - bei Müller ist das nicht sehr hilfreich, aber z.B. bei Blondey weiss ich sofort, dass ich in Orsières (im Wallis) nachfragen muss. Bei Sturm gibt es halt das Problem, dass es keinen seit vor 1800 bestehenden Bürgerort gibt und die heutigen Schweizer dieses Namens fast ausschliesslich Nachkommen von aus Deutschland stammenden Einwanderern sind, die 1880 bzw. später hier eingebürgert wurden.

Zum Ortsbürgerrecht ist zu sagen, dass es in einigen Städten schon seit dem Spätmittelalter besteht, in vielen ländlichen Regionen aber erst nach dem Ende des Ancien Regime (1798) eingeführt wurde. Auf der anderen Seite war die Freizügigkeit der Untertanen in diesen Regionen stark eingeschränkt, sodass man mit der Annahme nicht schlecht fährt, die Familie habe schon vorher an ihrem späteren Bürgerort gelebt.

Zusammenfassung: wer in der Schweiz seriöse Familienforschung betreiben will, kommt um das Ortsbürgerrecht nicht herum - konzentrieren Sie sich auf die vielen positiven Aspekte, nicht den negativen, dass man damit halt noch nicht vertraut ist. Und wenn man sich sicher ist, wo eine Person geboren/getauft ist ... dann hindert einen das Ortsbürgerrecht ja überhaupt nicht daran, in den dortigen Kirchenbüchern nachzuschlagen 8-).


Wolf Seelentag, St.Gallen
Mitglied der Genealogisch-Heraldischen Gesellschaft Ostschweiz (GHGO) - https://www.ghgo.ch/
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sturm_sz
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Re: Einwanderung aus der Schweiz nach Berlin - Anfang des 19

Post by sturm_sz »

Wolf wrote:
sturm_sz wrote:Eine Schwierigkeit scheint das etwas an biblische Zeiten oder den Orient erinnernde traditionelle Schweizer Ortsbürgerrecht zu sein, das dazu führt, dass der Geburtsort oft nicht weiterhilft und man erst herausfinden muss, welches Ortsbürgerrecht denn die betreffende Familie hatte, um dann in der entsprechenden Gemeinde weiterforschen zu können ...
Na ja - das sehen die meisten Forscher mit Erfahrung in der Schweiz wohl genau umgekehrt: ich muss einer Person nicht "hinterherlaufen" ... wenn ich den Einstieg (Bürgerort) erst einmal gefunden habe (und auch den Geburtsort muss ich ja erst einmal finden), macht einem der Bürgerort das Leben viel leichter.
Da haben Sie natürlich recht. Der Vergleich mit dem Orient war übrigens in keiner Weise abwertend gemeint, im Gegenteil. Das Schweizer Ortsbürgerrecht fasziniert mich, es ist für mich als Deutschen ein Symbol, dass in der Schweiz auch "bürgerliche" Familien, die in Deutschland erst seit dem Biedermeier richtig wahrgenommen werden (wenn man mal von den freien Reichsstädten und den Hansestädten mit ihren Kaufmanns-Dynastien absieht ...), bereits viel länger hohen gesellschaftlichen Respekt genossen haben, als sie im 18. Jahrhundert in zahllosen deutschen Kleinstaaten noch nach der Pfeife des Adels tanzen mussten ...



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